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To Die For - Lucy Siegle {Book Review}

gretchens fragen: To Die For - Lucy Siegle {Book Review}

Montag, 7. September 2015

To Die For - Lucy Siegle {Book Review}

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Der beste Film, den ich heuer bisher gesehen habe, war The True Cost. Und ich muss zugeben, ich habe ihn nicht nur einmal gesehen. Da ich ihn auch auf mein Handy heruntergeladen habe, ist es auch schon öfters vorgekommen, dass ich ihn im Hintergrund laufen hatte, wenn ich im Bad war und mein Make-up aufgetragen habe. Oder auch beim Kochen.
Der Film beginnt mit einer Szene, in der sich Lucy Siegle, eine Journalistin, die für The Guardian über ethisch korrekten Lifestyle schreibt, kurz vorstellt und ihre eigene Kleiderschrankgeschichte erzählt. Sie habe den klassischen, riesengroßen Kleiderschrank gehabt, ständig seien neue Stücke hinzugekommen, und trotzdem war sie nie zufrieden, konnte sie nie ein schlüssiges Outfit für sich zusammenstellen. Eine sehr gute, sehr aussagekräftige Szene, wie ich finde.

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Genau dieser Film hat bei mir einen unheimlichen Hunger nach Hintergrundrecherche und noch mehr Informationen und Einblick ausgelöst, unter anderem bin ich im Zuge dessen bei Lucy Siegles Buch To Die For. Is Fashion Wearing Out The World? gelandet. Die Lucy Siegle, die man auch einige Male im Film sieht. Ich habe zuerst ein wenig gezögert, bevor ich mich dazu entschlossen habe, es mir zu kaufen, da es aus dem Jahr 2011 stammt und somit noch vor dem Rana Plaza-Fabrikeinsturz geschrieben wurde. Ich hatte Angst, es sei überholt und nicht mehr aktuell.

Irgendwann habe ich mir aber gedacht, dass das ja Blödsinn sei. Rana Plaza ist vielmehr ein Symptom, eine Auswirkung eines Systems, dessen Probleme in den Grundstrukturen begraben liegen. Und die Grundstrukturen, durch die es überhaupt erst so weit kommen konnte, bestanden davor doch auch schon.

Rückblickend kann ich sagen, dass es sogar sehr spannend und bereichernd ist, einen Blick auf die Fashion Industrie zu werfen, bei dem der Begriff Rana Plaza nicht immer als erstes und schnellstes Beispiel für Missstände und Katastrophen aufgeführt wird, was oft leider auch dazu führt, dass die unzähligen anderen 'kleineren' Unglücke ausgeblendet werden oder aber dagegen erschreckend harmlos aussehen und kaum ins Gewicht zu fallen scheinen. Was ist schon ein Fabriksbrand, bei dem gut 20 Menschen umgekommen sind, im Vergleich zu den über tausend Menschen, denen Rana Plaza das Leben gekostet hat? Und doch sind das 20 - 20! - Menschen!
Das Buch hat für mich genau aus diesem Grund in den letzten Jahren nichts an Aktualität eingebüßt und ich bin sehr froh, dass ich mich schlussendlich dann doch dazu entschlossen habe, es zu lesen.

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Lucy Siegle beginnt ihr Buch, indem sie ihren eigenen Kleiderschrank kritisch unter die Lupe nimmt: 'My collection is testament to the extraordinary way we now consume clothes.' Aber auch mir als Leserin steigt sie gleich einmal auf die Zehen, indem sie mit einer Gewissheit, die mich staunen lässt, - zwar nicht ganz, aber immerhin - errät, was so in meinem Kasten hängt und liegt. Und während man immer noch nicht aus dem Staunen herauskommt, mit wie viel Beobachtungsgabe, Wortgewandtheit und Schlagfertigkeit Lucy Siegle begnadet ist, nimmt sie einen auf eine Reise mit, die einen Fast Fashion von Grund auf verstehen lässt. Wirklich verstehen lässt.

Sie beleuchtet auch die Art und Weise, wie wir Kleidung konsumieren, und schreibt: 'Trying to remember what you bought last month is a bit like trying to remember what you ate. You might deny that you bought anything, but you've probably overlooked something - the vest top you picked up when you were walking past a high-street store, or the cute little pyjama short set you spotted in the concession store at the station.'. Auch den schnellen Tod von Slow Fashion erklärt sie und schildert Schritt für Schritt, wer die maßgeblichen Unternehmen und Personen dafür waren, dass wir auf den Einkaufsstraßen unserer Städte genau die Namen vorfinden, die dort eben zu finden sind.

Und sie stellt die Frage nach dem Menschen. Fast schon wütend, aber auf jeden Fall frustriert, schreibt sie, dass sie von Asda auf ihre Frage, wie es möglich sei, Kleidung dermaßen billig anbieten zu können, Erklärungen über die verwendeten Materialien - Textilien, Knöpfe, Reißverschlüsse -, Verpackungen, Kleiderbügel und die Größe von Preisschildern bekommen habe, aber auch über die Art der Verfrachtung der Waren. 'Surely we are missing somebody here? There is no reference to the remuneration of the garment workers who actually make them.'

Es folgen Gespräche mit Näherinnen aus Kambodscha, Fabriksbesuche in Bangladesch und Westafrika, Berichte über erhöhte Suizidraten bei Indischen Baumwollbauern. Geschichten vom unendlichen Elend all jener, die an irgendeinem Punkt in der Produktionskette von Kleidung beschäftigt sind. 

Lucy Siegle wird von ihrer Verärgerung und Wut über all die Umstände, die sie während ihrer Recherchen entdeckt hat, angetrieben, und marschiert in einem Tempo und mit einer Vehemenz durch die mit großartiger Sprache ausgestatteten Erläuterungen, sodass mir das Weiterlesen niemals langweilig wurde und ich das Buch viel lieber auf einen Schlag ausgelesen hätte, als es immer wieder aus der Hand legen zu müssen.

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Zuletzt möchte ich noch ein paar Worte zu einem Buch loswerden, das sich über große Strecken mit demselben Thema beschäftigt, und zwar Todschick. Edle Labels, billige Mode - unmenschlich produziert von Gisela Burckhardt. Ich habe das Buch zum ersten Mal auf einem Fair Fashion Blog gesehen, weiß aber nicht mehr, auf welchem das war. Und als ich das Buch dann in der Buchhandlung entdeckte, habe ich es aus Neugierde mitgenommen.

Vorneweg - ich habe das Buch ausgelesen, die Informationen und Fakten wollte ich dann doch wissen. Es ist mir aber nicht immer leicht gefallen, ich hatte beim Lesen manchmal das Gefühl, die Autorin drehe sich mit ihren Schlussfolgerungen und Erläuterungen im Kreis. Und manchmal habe ich mich fast auch ein wenig geärgert, denn das Thema ist meiner Meinung nach alleine schon schwerwiegend genug - da braucht man keine Mutmaßungen über den Drogenkonsum von Kate Moss oder ähnliche süffisante Nebenbemerkungen mehr. Ich habe es ausgelesen, würde es wahrscheinlich auch wieder tun. Aber bestimmt nicht, weil es so toll und gut durchdacht geschrieben ist, wie ich mir das erhofft hatte.

Wenn ich mich für eines der beiden Bücher entscheiden müsste, würde meine Wahl ganz eindeutig und ohne einen zweiten Gedanken auf To Die For von Lucy Siegle fallen. Allerdings schadet es bestimmt nicht, die Ereignisse und Entwicklungen, die sich seit dem Jahr 2011 zugetragen haben, auch zu recherchieren, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

Es fällt mir gerade sehr schwer, einen abschließenden Satz für diesen Blogpost zu finden, er sollte nämlich zumindest enthalten, dass es mir sehr am Herzen liegt, euch dieses Thema und insbesondere das Buch von Lucy Siegle näherzubringen und dass es mich freuen würde, wenn ich hiermit jemanden dazu inspiriert habe, es auch zu lesen. Und dass ich wie immer unendlich dankbar dafür bin, dass ihr meine Beiträge lest und mir ein wenig eurer Zeit schenkt.

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2 Kommentare:

Am/um 7. September 2015 um 19:06 , Anonymous Kerstin meinte...

Ich hab mir "The True Cost" auch bei Netflix schon zur Liste hinzugefügt - bin nur leider noch nicht dazu gekommen ihn mal anzusehen. Das Buch hört sich super interessant an - kommt auf mein TBR :)

Love, Kerstin
http://www.missgetaway.com/

 
Am/um 10. September 2015 um 15:20 , Anonymous Julia meinte...

Vielen Dank für diese tolle Review, liebe Barbara. Wahnsinn, wie gut du das Buch beschrieben hast!! Mich hast du jedenfalls total inspiriert und das Buch werde ich mir demnächst zulegen - bin schon sehr gespannt darauf!

Liebe Grüße
Julia, http://schriftundherz.com/

 

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