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Ich kann nicht mehr wegschauen

gretchens fragen: Ich kann nicht mehr wegschauen

Mittwoch, 19. August 2015

Ich kann nicht mehr wegschauen


Ich sitze jetzt schon eine ganze Weile vor dem weißen Bildschirm und weiß nicht recht, wie ich am besten anfangen soll. Bevor es hier nämlich wieder mit den üblichen Lifestyle-Beiträgen weitergehen wird, liegt mir noch ein anderes Thema am Herzen.
Ich war gestern mit meinem Freund und zwei anderen Freunden, darunter Dina von Puderzuckerdose, in Traiskirchen. Wir haben unseren Kofferraum mit Sachspenden angefüllt und sind hingefahren, um zu helfen und uns selbst ein Bild von der Lage zu machen.

Wie viele Flüchtlinge derzeit in Traiskirchen sind, weiß niemand so genau. Auf orf.at habe ich heute im sehr guten, sehr menschlich wirkenden Artikel Traiskirchen und der Regen von Simon Hadler, (der übrigens gestern entstanden sein muss, als wir dort waren, da ich die Situationen auf den Fotos wiedererkenne und den Fotografen Roland Winkler gesehen habe,) die Zahl 3400 gelesen. Auf jeden Fall ist das Lager hoffnungslos überfüllt.

Du steigst aus dem Auto aus und stehst vor dem Zaun, den du von Fotos aus dem Internet und Zeitungen kennst. Und es gibt ihn wirklich, so, wie du ihn dir vorgestellt hast und noch viel echter und viel bedrückender. Dahinter all die Zelte, teilweise notdürftig mit Planen abgeschirmt oder geflickt, davor und dazwischen, sitzend oder gehend, die Flüchtlinge, die kein Zimmer und kein Bett zur Verfügung haben, sondern hier im Freien vor dem eigentlichen Lager campieren müssen. Auch in der Hitze. Auch im Regen.

Wir haben das Auto zuerst einfach geparkt und stehen gelassen, um keine große Menschentraube um das Auto herum zu erzeugen, und sind direkt auf einige Leute, die sich außerhalb des Zauns aufgehalten haben (in das Lager selbst darf man als Außenstehender ja nicht) zugegangen, die beispielsweise keine Schuhe hatten und denen wir helfen wollten. Das Verteilen der Sachspenden aus dem Kofferraum war dann teilweise trotzdem etwas laut und chaotisch, ist doch die Ankunft der Autos die einzige Abwechslung für viele und auch die einzige Möglichkeit, Dinge zu bekommen, die dringend benötigt werden. Gleichzeitig hat jeder Angst, ein anderer könnte mehr erhalten als er selbst. Absolut verständlich, allerdings auch schwierig für uns. Ein junger Syrer hat uns geholfen, zu übersetzen und zu fragen, wie und womit wir den jeweiligen Leuten helfen konnten. Ganz schlicht, freundlich und bescheiden.

Wenn dir später derselbe junge Bursche aus Syrien, noch nicht einmal so alt wie du, erzählt, er habe zuhause 200 vom IS geköpfte Männer gesehen oder kleine Kinder, die selbst die Waffe in die Hand genommen haben, um erwachsene Männer zu erschießen, weißt du gar nicht, was du noch darauf sagen kannst. Und wenn du dann weiterfragst und er über seine Flucht zu reden beginnnt, darüber, einige Tage lang ohne Nahrung oder Wasser gewesen zu sein und auch darüber, wie es war, stundenlang mit 14 Menschen in einem kleinen PKW auf dem Weg von Ungarn nach Österreich eingepfercht gewesen zu sein und dafür mehr bezahlt zu haben, als du derzeit am Konto hast, brechen alle die Dämme, die du da zuvor noch in dir errichtet hattest und du fühlst einfach nur noch Liebe für diesen jungen, zerbrechlichen Menschen vor dir.

Später am Abend wird dir bewusst, dass das Einzige, das dich von all den Leuten, mit denen du den ganzen Tag über gesprochen hast, unterscheidet, die Tatsache ist, dass du in diesem Land und nicht anderswo geboren bist. Nenne es Schicksal, nenne es Glück. Aber auf keinen Fall Selbstverständlichkeit.

Und genau deshalb werde ich wieder hinfahren und wieder versuchen, den Menschen zu helfen. Obwohl ich eigentlich das Gefühl habe, dass sie mir so viel mehr gegeben haben.


Wie helfen?


Wenn ihr selbst auch hinfahren und helfen möchtet, informiert euch vorher gut, wie ihr am besten vorgehen könnt und was am dringendsten gebraucht wird. Madeleine hat auf ihrem Blog einen wirklich guten Beitrag dazu veröffentlicht, den ich euch unbedingt empfehle - Flüchtlinge in Österreich: Wie kann ich helfen? Außerdem teilt sie auf ihrer Facebook-Seite auch immer Aktuelles, auch, was man sonst noch unternehmen kann.
Neu ins Leben gerufen wurde die Plattform Sachspenden für Traiskirchen, wo Listen mit Dingen, die am dringendsten gebraucht werden, veröffentlicht werden und man die Spenden den Freiwilligen, die immer wieder nach Traiskirchen fahren, mitgeben kann.
Auch auf den Facebook-Seiten ADOPT A WISH und Happy. Thank you. More Please! kann man sich informieren.

Ich kann es wirklich jedem so sehr ans Herz legen, selbst hinzufahren. Es kann zuerst ein bisschen chaotisch werden, doch bleibt geduldig und ruhig dran und redet mit den Menschen, die meisten können Englisch oder auch Deutsch. Ihr werdet mit so viel Offenheit, Dankbarkeit und Liebe empfangen werden und erschüttert, betroffen, bereichert und erfüllt wieder nachhause fahren.

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9 Kommentare:

Am/um 20. August 2015 um 15:07 , Blogger Liebe was ist meinte...

ich habe das Gefühl, dass die ganze Hilfe - das Spenden sammeln, Sachgüter kaufen und spenden die Aufrufe - gar nicht wirklich ankommen ...
seit einer Weile schon verfolge ich das Thema medial, auch auf einigen Blogs natürlich, aber es passiert einfach nichts. es fühlt sich an als wäre man ein kleines Sandkorn, dass keine Auswirkung auf den großen weiten Strand hat.
warum tut sich in dem politischen "daoben" nichts?

<3 Tina
https://liebewasist.wordpress.com/

 
Am/um 20. August 2015 um 19:27 , Blogger Dina meinte...

Hi Tina!

Ich finde es sehr, sehr schade, dass du dieses Gefühl hast. Leider weiß ich nicht woher dieser Eindruck kommt, denn das, das ich in Traiskirchen erlebt habe sagt alles andere als das da keine Hilfe ankommen würde.

Es sind nicht immer nur Spenden und Sachgüter, die helfen.
Manchmal ist es auch einfach eine nette Geste, ein Lachen oder eine Zeitspende, die Freude macht.
Wenn du das Gefühl hast, dass du ein kleines Sandkorn bist, dann fahr hin nach Traiskirchen, rede mit einem oder mehreren Flüchtlingen dort und lerne sie kennen.
Was ich dir sagen kann ist, dass sich jeder dort sehr darüber freut, wenn du ihnen deine Zeit schenkst.
Denke daran, dass du damit nicht nur deine Zeit totschlägst, vielmehr lässt du sie damit fühlen, dass sie willkommen sind und dass sich jemand für sie interessiert. Das sind die Dinge, an die sich diese Menschen festhalten können, wenn sie alles verloren haben.

Ich denke, es gibt kaum etwas, dass einem in einem fremden Land mehr helfen kann als ein wahrer Freund.

Ganz liebe Grüße,
Dina

 
Am/um 20. August 2015 um 20:06 , Blogger Barbara meinte...

Liebe Tina!

Ich finde es auch sehr schade und es macht mich fast ein bisschen traurig, dass du den Eindruck hast, dass all die Hilfeleistungen, die Privatpersonen in Traiskirchen, sei es nun durch Sachspenden, organisierte Quartiere oder schlicht und einfach miteinander verbrachte Zeit, erbringen, nicht ankommen. Diesen Eindruck habe ich ganz und gar nicht.

Natürlich lösen all die kleineren Schritte von Privatpersonen, die einfach selbst hinfahren, im großen, unübersichtlichen politischen Gefüge keine riesigen Probleme (Haben aber, wenn du dir Madeleine von Dariadaria und ihre untergebrachte irakische Familie anschaust, durchaus Tragweite und können stillstehende Räder in Bewegung setzen).

Wenn du allerdings den Blick weg von den riesigen Problemen und hin auf den einzelnen Menschen lenkst, dann bringt eben diese Hilfe in unserem Fall genau dieser einen Handvoll Menschen, der wir Dinge gebracht haben, die sie dringend benötigten (Schuhe! Deos! Taschen! Jacken!) oder mit denen wir fast stundenlang geredet und uns ihre Geschichten angehört haben, so unendlich viel.
Und wenn es nur ein paar glückliche Minuten oder Stunden voller Lachen und Zerstreuung sind, die kurz die eigene unendlich große, erdrückende Not vergessen lassen.

Ich weiß nicht, wo du wohnst, aber wenn es dir möglich ist, fahr auch nach Traiskirchen. Selbst aktiv zu werden ist in so einer Situation viel, viel wichtiger, als nur immer darüber zu reden, was getan gehörte, würde oder könnte man.

Auch von mir ganz liebe Grüße,
Barbara

 
Am/um 20. August 2015 um 20:13 , Blogger Barbara meinte...

Nachtrag: Ich habe gerade nachgeschaut und gesehen, dass du aus Deutschland kommst und somit nicht nach Traiskirchen kommen kannst. Ich bin mir aber relativ sicher, dass in Deutschland auch geholfen werden kann und eben diese Hilfe dringend benötigt wird. Sei mutig, du wirst mit so viel mehr belohnt werden, als du diesen Leuten gibst.

 
Am/um 20. August 2015 um 21:03 , Blogger Dina meinte...

Ich sehe gerade meinen das/dass Fehler. Das tut mir nur eben weh. Sorry ;-)
Musste ich nur anmerken.

Wenn du aus D kommst, kannst du die Leute in Traiskirchen natürlich nicht besuchen.
Aber wie Barbara meinte, in Deutschland wird die Situation wohl kaum sehr viel anders sein.

Trau dich nur, niemand wird dich beißen. :-)

 
Am/um 20. August 2015 um 21:18 , Blogger Barbara meinte...

Haha ;-) Ist mir gar nicht aufgefallen.

 
Am/um 28. August 2015 um 16:30 , Blogger Liebe was ist meinte...

liebe Dina, liebe Barbara ...
da ich aus Deutschland komme und den Flüchtlingen in Traiskirchen tatsächlich nicht persönlich einen Besuch abstatten kann, bezog sich mein Kommentar auch nur auf Sach- und Geldspenden - da habe ich mich wohl zu missverständlich ausgedrückt. gemeint war also im eigentlichen, das Gefühl, das von dem gespendeten Geld vor Ort nichts ankommt - Machlosigkeit ...

ich finde es toll, dass ihr die Möglichkeit in Traiskirchen nutzt um genau auf der menschlichen Siete zu helfen! Zuneigung kann eben jeder Mensch gebrauchen, ob Flüchtling oder Einheimischer :)
daher finde ich es in diesem Zuge auch sehr wertvoll, dass ihr zu dieser Art von Flüchtlingshilfe noch einmal ermutigt. Danke für eure langen Antworten und schönen Gedanken dazu!

<3 Tina

 
Am/um 3. September 2015 um 00:00 , Blogger Piefka meinte...

Wow was für ein fantastischer Post! Ich bin derzeit auf Kos im Urlaub und natürlich ist hier die Flüchtlingssituation besonders allgegenwärtig. Ich empfinde es als extrem wichtig, auch im Urlaub nicht weg zu schauen. Es gibt so viele blogger im world wide web und viele von ihnen schreiben nur über die "schönen Seiten" des Lebens. Dabei ist es grad in einer heutigen mediatisierten Welt so wichtig auch auf die Probleme und nicht so schönen Dinge aufmerksam zu machen und wie du so schön sagst "nicht weg zu schauen"! Du hast mich sehr inspiriert evtl. auch einen kleinen post zu dem Thema zu schreiben.... so wie du ist es wichtig zu handeln! Und ein Besuch in Traiskirchen steht jetzt wirklich ganz oben auf meiner Liste, wenn ich wieder in Österreich bin (war bis jetzt noch etwas verunsichert und unschlüssig...). Vielen Dank und Liebe Grüße!

Sophia

http://www.piefka.com/

 
Am/um 3. September 2015 um 12:23 , Blogger Barbara meinte...

Liebe Sophia!

Du hast mir mit deinem Kommentar eine große Freude gemacht, schön, dass du so darüber denkst.
Noch eine schöne, aufschlussreiche Reise und alles Gute für die Fahrt nach Traiskirchen, wenn du wieder da bist!

Alles Liebe,
Barbara

 

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